Beobachtung und Dokumentation

C. Riesenberger

Der nachstehende Interview wurde uns freundlicherweise von Wolters Kluwer zur Veröffentlichung bei Kiggi.de zur Verfügung gestellt.

Der Aufwand ist es wert!

Dr. Sylvia Mira Wolf ist Diplom-Psychologin an der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund. Für KiTa-aktuell.de schreibt sie mit Dr. Maren Aktas und Dr. Judith Flender das neue Themenpaket „Beobachtung und Dokumentation“. Im Interview verrät sie, welche Bedeutung das Thema im Zusammenhang mit der Flüchtlingsarbeit hat.

KiTa-aktuell.de: Welchen Schwerpunkt setzen Sie im neuen Themenpaket?

Dr. Sylvia Mira Wolf: Wichtig ist, welche Ziele mit Beobachtung und Dokumentation verfolgt werden. Das wollen wir im Themenpaket deutlich machen. In der Praxis wird beides oft als eher aufwändig und lästig empfunden. Wir verdeutlichen, dass Beobachten und Dokumentieren durch Kita-Leitungen und Erzieherinnen den Aufwand wert sind, weil man sich noch mal wesentlich intensiver als sonst mit dem einzelnen Kind befasst. Es geht schließlich darum, die Entwicklung von Kindern in der Kita, bei Übergangs-, ja bei allen Lern- und Bildungsprozessen zu begleiten. Darüber hinaus leistet Beobachtung und Dokumentation einen Beitrag zur Früherkennung von Entwicklungsrisiken.

KiTa-aktuell.de: Manche Kita-Leitung wird jetzt vielleicht sagen: Frau Dr. Wolf hat es gut, sitzt in der TU und erklärt uns, was gut und wichtig ist.
Wir aber müssen es zusätzlich leisten: Was sagen Sie ihnen?

Dr. Sylvia Mira Wolf: Zum ei
nen sage ich ihnen, dass sie im
Themenpaket ein Riesenangebot von möglichen Verfahren
entdecken werden. Und ich sage ihnen, dass sie dort das finden, was so praxisorientiert ist, dass Kinder, Eltern, Erzieherinnen und sie selbst etwas davon haben.

KiTa-aktuell.de: Muss alles, was Kita-Leitungen beobachten von ihnen auch dokumentiert werden?

Dr. Sylvia Mira Wolf: Nein. Wichtig ist, dass sich die Kita-Leitung und ihr Team entscheiden, was sie beobachten und wie sie es dokumentieren wollen. Dazu sollte ein für alle gültiges Konzept erstellt werden, damit nicht jeder seinen eigenen Weg geht. Entscheidend ist, dass abgeklärt wird, wessen Erwartung man befriedigen will. Dabei stehen meines Erachtens pädagogische und psychologische Gesichts- punkte an oberster Stelle. Es muss geklärt werden, wer der Adressat sein soll. Das können das eigene Team, das Kind (Portfolio), die Eltern oder auch weiterführende Einrichtungen sein. Die Aktenkladde aber darf kein Adressat sein. Sprich Beobachtung und Dokumentation müssen immer dazu dienen, Aussagen über das Kind treffen zu können und sinnvoll weitergeführt werden. Außerdem erhält man Informationen, wie man dem Kind noch besser gerecht werden kann und man eventuell bei sich ändern sollte.

KiTa-aktuell.de: Es gibt aber auch Zwang zur Dokumentation, selbst bei leichtesten Verletzungen ...

Dr. Sylvia Mira Wolf: Ja, ich glaube, dass das auch die Ablehnung mitunter hervorruft. Nennen wir diese Form der Dokumentation einmal Pflicht und die von uns beschriebene die wichtige und wertvolle Kür.

KiTa-aktuell.de: Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Kita-Leitungen beim Thema Beobachtung und Dokumentation im Umgang mit Flüchtlingskindern?

Dr. Sylvia Mira Wolf: Zwei unserer Schwerpunkte im Themenpaket heißen Umgang mit traumatisierten Kindern und Migration. Man kann davon ausgehen, dass viele Flüchtlingskinder traumatisiert sind. Aber viele verfügen über eine psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz), die dazu beiträgt, dass sich kein Trauma ausbildet. Diese Widerstandsfähigkeit muss gestärkt werden, etwa durch klare Strukturen, personelle wie räumliche Sicherheit, Kontinuität und wenn möglich Ruck- zugsräume. Optimal wäre, wenn die Kita Hilfestellungen von außen integrieren könnte oder eigene Mitarbeiterinnen traumapädagogische Erfahrungen erwerben.

KiTa-aktuell.de: Beobachten heißt auch verstehen. Was tun, wenn die Sprache dem im Weg steht?

Dr. Sylvia Mira Wolf: Die Problematik haben wir ja auch bei vielen Kindern mit Migrationshintergrund. Auch hier muss man beim Beobachten sensibel darauf achten, welche Verhaltens- weisen der Kinder auf das „Nicht-Verstehen“ zurückgehen, und auf Grundlage dessen schauen, wie man ihnen den Alltag erleichtert. Wir raten zu noch mehr Arbeit mit Bildmaterial, mit klaren Farben, Symbolen, Piktogrammen. Man kann beispiels- weise wunderbar aufzeichnen, wie der Morgenkreis läuft. War- um nicht mit einer Karte umhergehen, auf der Kinder im Kreis sitzen. Man trifft sich und zeigt eine Karte, die Kinder auf dem Weihnachtsmarkt zeigt. Anschließend zeigt man auf Karte drei, wie sich Kinder Schuhe anziehen. Und alle verstehen: Wir gehen gleich auf den Weihnachtsmarkt. Die Karten müssen Kita-Leitungen und Erzieherinnen übrigens nicht selbst malen – ist doch eine wunderbare Arbeit für die Gruppe, die dadurch auch noch Partizipation erfährt.

Autor
  • Dr. Sylvia Mira Wolf
  • Beruf: Diplom Psychologin
  • arbeitet für: TU Dortmund
Veröffentlichung
  • Kiggi
  • bei: kita-aktuell.de, Wolters Kluwer
  • am: 03.03.2016
  • Kitas und Erzieher
  • Lizenz: Wolters Kluwer Deutschland GmbH
  • Kategorie: Kita und Krippe
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