Spielatmosphäre oder wie die Umwelt das Spiel verändert

Einleitung in die Spielatmosphäre

Das Spiel der Kinder wird durch die Erwachsenen und die Gesellschaft, in der das Kind aufwächst, beeinflusst. Das Kind lebt sich mit Hilfe seines Spiels in die Erwartungen der Mitmenschen, die es umgeben, ein und übernimmt gesellschaftliche Werthaltungen.

 

Einflüsse unserer industriellen Gesellschaft auf das Kinderspiel

Eigentlich müsste das Spiel unserer Kinder in der industriellen Gesellschaft optimal ermöglicht und gefördert werden, denn noch nie ist das Spiel und sind die Kinder und deren Entwicklung so ernst genommen worden wie heute in den Industrieländern.

Beispiele:

  • Es gibt Berufe/Berufszweige, die sich ausschließlich mit der Forschung, Lehre und Praxis des Kinderspiels befassen. Als Ergebnis finden wir eine Fülle von Veröffentlichungen, Anleitungen zu Spiel und Spielesammlungen - also ein optimales Know-how zum Umgang mit Spiel.
  • Für die Entwicklung der Kinder wird viel investiert. Kinder laufen nicht nur nebenher. Ihre Interessen werden weitgehend formuliert und gesellschaftlich (jedenfalls verbal) anerkannt.
  • Lernanforderungen werden durch spielerische Lernformen erleichtert, zum Beispiel in der Schule, im Sport, bei Kursangeboten und im Einzelunterricht. Spiel hat bei fast allen Therapieformen einen hohen Stellenwert, sei es bei psychotherapeutischen Behandlungsformen, bei der Arbeit mit Behinderten oder bei krankengymnastischen Trainingsprogrammen.

Auch die familiären Bedingungen sind im Mittel gut. Stetig sinkende Arbeitszeit und die positive wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahrzehnten haben dazu geführt, dass wir uns viel Zeit für die Förderung unserer Kinder nehmen und ihre Entwicklung auch finanziell unterstützen können. Gegenüber früheren Lebensbedingungen ändert auch die schwierigere Wirtschaftsentwicklung der allerletzten Zeit daran nichts Grundsätzliches. Verringert haben sich ferner die privaten Arbeitszeiten - zunehmende maschinelle Arbeitserleichterung im Haushalt, weniger Zeitaufwendige Reparaturen. Benutzung des Autos usw. Das bringt Zeit für Kinder.

Fazit: Wir wissen heute um die Bedeutung des Spiels und wir haben im Prinzip mehr Zeit, uns dem Spiel der Kinder zu widmen. Aber diese Tatsachen scheinen das Spiel der Kinder doch nicht wesentlich zu verbessern, denn gesellschaftliche Faktoren in unserer heutigen industriellen Gesellschaft haben auch einschränkende Wirkungen auf das Spiel der Kinder.

Da werden zunächst jedem die bereits erwähnten Spieleinschränkungen einfallen:

  • die Verstädterung mit Verkehrssituationen; die häufig weder das Spiel auf Straßen zulässt noch die Möglichkeit bietet, dass Kinder sich ohne Hilfe der Erwachsenen treffen; Ersatz sind unnatürliche und sterile Spielplätze. (Die natürliche Wildnis ist der beste Spielplatz!);
  • die Verinselung von Kinder, da viele von ihnen ohne Geschwister aufwachsen und oft bis zum Schulalter nicht selbstständig Spielpartner erreichen können;
  • Wohnungen mit kleinen Kinderzimmern ohne Dachboden, Werkkeller, Scheunen oder Hinterhöfe, dadurch steht das Spiel stark unter der Beobachtung und Kontrolle der Erwachsenen;
  • Spielzeugsüberfülle, die das Spiel nicht fördert, sondern erstickt und vor allem wenig Möglichkeiten bietet selbst zu erfinden, weil schon alles erfunden ist;- technische Medien, vor allem Fernsehen und Video, die das Kind wahrnehmen lassen, was andere Kinder spielen, ihm aber nicht das eigene Erlebnis bieten und deshalb vom eigenen Spiel ablenken und wertvolle Spielzeit des Kindes ungenutzt schlucken. Das bedeutet Wahrnehmungsfülle im visuellen und akustischen Bereich, bei der das Begreifen (im doppelten Sinne des Wortes) und damit das Handeln zu kurz kommt. Handlungssehnsüchte werden geweckt, aber nicht gestillt. (Allerdings empfindet das Kind im Moment des Zuschauens und Zuhörens eine Befriedigung seines Erlebnishungers. Leider! Denn dadurch spürt und sucht es rnöglicherweise nicht, was es vermisst.)

Es gibt noch eine zweite Gruppe von Spielhemmern, nämlich die Einstellungen der Erwachsenen in unserer leistungsorientierten Gesellschaft:

  • Das Spiel wird zu stark unter dem Aspekt des Lernens gesehen. Unter diesem Motto wird Spielmaterial angepriesen und wird für unterschiedlichste Kurse und Programme geworben: musikalische Früherziehung, Mal- und Werkkurse, Schwimmen, Kinderturnen usw. Überall wird vom Lernen durch Spiel gesprochen. Eltern neigen dann leicht dazu, diese - in begrenztem Maß sinnvolle Zeit des Kindes als Spiel anzusehen anstatt als harte Arbeit, so dass das echte, so wichtige Spiel zu kurz kommt.
  • Im Spiel wird durch die Erwachsenen oft die Leistung und damit das Spielergebnis betont. Damit verliert das Spiel aber eines seiner wesentlichsten Merkmale, nämlich die Zweckfreiheit (siehe Seite 10 f). Erwachsene bieten dem Kind häufig bevorzugt solche Spielmöglichkeiten an, bei denen das Kind seine Leistung zu beweisen hat, bei denen es offen legt, dass es etwas gelernt hat oder dass es besser bzw. zumindest nicht schlechter ist als seine Altersgenossen. Es kann sich einfach spontan und angstfrei dem Tun hingeben, sondern es muss sein Ergebnis beachten. Diese Einstellung äußert sich zum Beispiel, wenn Eltern Spielmaterial kaufen, das auf ein Ergebnis angelegt ist (vom Puzzle bis zum Modellbaukasten mit zu bauenden Vorlagen), wenn im Kindergarten Brettspielen am Tisch mehr Bedeutung zugewiesen wird als dem Rollenspiel oder der Bewegungsbaustelle im Turnraum, wenn Schulkinder durch Hausaufgaben und Förderkurse kaum noch Zeit zum Spielen haben.

 

Konsequenzen für Erzieher/innen

Was bedeuten diese spielhemmenden und spielvortäuschenden Einflüsse für Erzieher und Erzieherinnen? Wie können sie diesen einseitigen Erwartungen an kindliches Spiel entgegenwirken?

 

Angemessene Spielmöglichkeiten bieten

Wenn wir das Spiel des Kindes ernst nehmen, müssen wir ihm möglichst viel seiner Zeit in der sozialpädagogischen Einrichtung für diejenigen Spieltätigkeiten freihalten, die echtem Spiel entsprechen: zweckfrei spontan freiwillig, von innen heraus motiviert, lustbetont und fantasiebegleitet. Dafür benötigt das Kind weitgehende Freiheit, von Zeitdruck und Leistungsdruck, viel Spielraum, und zwar inneren Spielraum im Sinne von spielen dürfen, wie es gerne möchte, mit eigener Ideenfindung und Spontaneität, und äußeren Spielraum im Sinne von Spielplatz, das heißt einem solchen Raum (Innenraum und Außenraum), der Möglichkeiten zu selbsterfundenem Spiel bietet.

Das Kind braucht nicht unbedingt Spielmaterial, das von Erwachsenen für sein Spiel vorgefertigt wurde, sondern es stillt gerade im Erfinden seiner Spielgegenstände einen Teil seiner Bedürfnisse, nämlich seine Fantasie ins Spiel zu bringen. Konkurrenz muss im Spiel niedrig gehalten werden, vor allem beim jüngeren Kind, denn Konkurrenz betont das Ergebnis und nicht den Prozess. Ansporn besser zu werden, bietet der Konkurrenzkampf im Allgemeinen nur dann dem Kind, wenn die eigene Schwäche nur punktuell und nicht grundsätzlich wahrgenommen wird: „Heute ist es mir nicht gelungen, aber gestern war ich gut und morgen werde ich es wieder sein“. Oder: „Auf vielen Gebieten bin ich besser als die anderen, also macht es nichts, wenn ich es einmal nicht schaffe.“ Der Leistungsschwache wird durch Konkurrenz kaum gefördert und der Leistungsstarke verliert im Konkurrenzspiel sein Einfühlungsvermögen in den Partner. Er darf mit dem Leistungsschwächeren kein Mitleid haben, weil er dann ja nicht mehr schuldfrei der Bessere sein könnte.

 

Spiel sinnvoll fördern und anleiten

Echtes Kinderspiel ermöglichen, heißt zwar, dem Kind viel Freiraum zu eigengestaltetem Spiel zu bieten, aber es bedeutet nicht, sich als Gruppenleiter aus der Spielführung ganz herauszuziehen. Gelenktes Spiel kann durchaus seine Berechtigung haben, um dem jungen Menschen neue Spielmöglichkeiten und Selbsterfahrung zu bieten, um ihn im echten Spiel (das er sich manchmal schon in frühen Jahren abgewöhnt hat - abgewöhnen musste) zu bestärken und ihm Anregungen zu geben.

Dieses Spiel muss aber möglichst häufig so gestaltet sein, dass die Spieler sich lustbetont in die Spielhandlung einlassen und dass das Ergebnis als zweitrangig angesehen wird. Im Beispiel: Man muss im Kindergarten nicht unbedingt die gewonnenen Memorykarten in ihrer Menge vergleichen. Es ist unwichtig, wer gewonnen hat. Volleyball wird in erster Linie gespielt, weil es Spaß macht, und nicht, weil die Mannschaft gewinnen will. Der Spielpädagoge darf auch die Lernleistung des Spiels nicht in den Mittelpunkt stellen, weil er dann echtes Spiel einschränken würde. Wenn er beispielsweise mit der Hortgruppe eine Geisterbahn im Turnraum baut, dann vor allem, weil das Erfinden und Ausprobieren für die Gruppe spannend ist und Freude bringt. Wenn dadurch Angst abgebaut wird, ist das ein erfreulicher Nebeneffekt.

Natürlich wird in der sozialpädagogischen Praxis das Spiel auch als eine Lernform eingesetzt, zum Beispiel eben um Angst abzubauen oder ein bestimmtes Verhalten einzuüben. Das ist als solches nicht abzulehnen, aber die Erzieherin, der Erzieher müssen sich darüber im Klaren sein, dass es sich hier möglicherweise nicht um echtes Spiel handelt und dass diese Form von Spiel das wirkliche Spielbedürfnis des Kindes nicht abdeckt.

 

Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit

Erzieher/innen werden die Erfahrung machen, dass sie mit ihrem Anliegen, den Kindern echtes Spiel zu ermöglichen, nicht immer auf die Zustimmung der Eltern stoßen. Manche Eltern erkennen nicht, dass sie zu Hause dem Kind dieses handlungs-, bewegungs- und abenteuerreiche eigengestaltete Spiel nicht ermöglichen können, manchmal auch nicht wollen. Sie verweigern sich dann auch oft den spielpädagogischen Zielen der sozialpädagogischen Einrichtung, vielleicht, weil deren Anerkennung eigene Schuldgefühle hervorrufen würde. Viele Eltern sehen die Entwicklung ihrer Kinder in erster Linie als berufliche Karriere.

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