Umgang mit der Strafe in der Kita und zu Hause

Tim Reckmann / pixelio.de

Einleitung

Die Strafe in der Erziehung ist bei Eltern sowohl auch bei Erziehern erheblich umstritten.

Für die einen ist sie das wichtigste Erziehungsmittel, die anderen lehnen es total ab, da sie darin eine Maßnahme sehen, die mit Erziehung nichts zu tun hat, weil sie dem Kind Leid zufügt, anstatt das Gute in ihm zu entfalten. Die Chancen um erfolgreich zu Erziehen sind weitaus größer, wenn überwiegend mit positiven Erziehungsmittel gearbeitet wird. Es wäre jedoch falsch, auf Strafen völlig zu verzichten, weil dahinter die Auffassung steckt, dass der Mensch von Natur aus gut ist, und das widerspricht der nüchternen Erfahrung. Es geht nicht um ein Entweder - Oder, sondern um die Frage, auf welche Weise und unter welchen Voraussetzungen die Strafe zur Erziehung eines Heranwachsenden beitragen kann.

 

Bedeutung und Ziel der Strafe

Aus der Sicht des Erziehers

Will man eine gültige Straftheorie aufstellen, so muss man sich bewusst sein, dass es sich bei den Heranwachsenden nicht um Erwachsene, sondern um noch ungefestigte, junge Menschen handelt, deren Fehler mehr als Schwächen, denn als überlegte Bosheiten angesehen werden müssen. “Schwächen aber werden nicht mit Strafen behandelt, sondern mit Arzneien, und zwar in klug bemessenen Dosen.“ (Don Bosco)

Die Straftheorie sollte also einer Heiltheorie gleichen. So wie jede Krankheit ihr spezielles Heilmittel verlangt, so verlangt auch jedes Vergehen seine spezielle Bestrafung. Sie sollte nicht so sehr nach Buße und Vergeltung verlangen, sondern eine heilende Besserung des Heranwachsenden in dem Sinne bewirken, dass die schädigende Wirkung des begangenen Fehlers beseitigt und der Gestrafte nicht rückfällig wird. Nur das Maß, in dem die Strafe zu Gewissensbildung beiträgt, ist erzieherisch wertvoll. Erziehung soll zur Mündigkeit führen, dazu dass der zu Erziehende sich eigenverantwortlich und selbständig für das Richtige und das Gute entscheiden kann. Dieses Ziel verfolgt auch die Strafe als Erziehungsmittel.

Strafen, auch negative Verstärker genannt, sind Situationen, Ereignisse und Objekte, die ebenso wie die positiven Verstärker, die Häufıgkeit von positiven Verhaltensweisen erhöhen, indem sie das Erleben und Verhalten eines Individuums beeinflussen. Beim Kleinkind, das den Sinn von Verboten und die Notwendigkeit der Strafe noch nicht versteht, müssen , Verstöße mit Unlustempfindungen verbunden werden. Hier ist es noch Sinn der Strafe, das Kind an eine bestimmte Ordnung zu gewöhnen, später hilft der Erzieher dem Heranwachsenden durch die Strafe zu lernen, dass jeder Fehler nach einer Wiedergutmachung verlangt.

 

Aus der Sicht des Kindes

Die Art der Strafe muss der Entwicklungsstufe des Kindes angemessen sein. Es wird in der Entwicklung der Strafe nach dem kindlichen Verständnis in drei Stufen unterschieden: Beim Kleinkind spricht man von einer assoziativen Stufe. Verstöße des Kindes müssen hier assoziativ mit Unlustgefühlen verbunden werden, so dass eine Art Hemmungsmechanismus aufgerichtet wird, der künftige Handlungen dieser Art erschwert. Das Kind wird also durch die Strafe auf dieser Stufe von verbotenen Handlungen abgeschreckt, da es ja nur nach Dingen sucht, die Lust und Glücksgefühle in ihm hervorrufen. Auf der logischen Stufe besteht die Möglichkeit, dem Kind den Sinn und die Notwendigkeit der Strafe nahezubringen. Das Kind ist nun im Stande die Strafe als notwendige Folge seines Vorgehens zu begreifen. Der Erzieher sollte von nun an seine Strafen, wie auch sonst seine Erziehungsmaßnahmen dem Kind begründen.

Auf der moralischen Stufe erschließt sich dem Kind der Sinn für den eigentlichen, den moralischen Sinn der Strafe. Es fasst die Strafe nun als Sühne auf und nicht lediglich als unvermeidliche Folge seines Tuns. Sie wird daher nicht mehr einfach hingenommen, sondern auch anerkannt. Das Kind kann auch eine Strafe geradezu herbeisehnen, damit „alles wieder gut wird“. Die Strafe wirkt damit in ihrer eigentlichen Funktion als Sühne.

 

Arten der Strafe

Bestrafung durch Betrübnis und Tadel

Für den Erfolg von Strafmaßnahmen ist die wichtigste Voraussetzung, dass zwischen Erzieher und Kind eine Vertrauensbasis besteht. Nur so ist es möglich, dass das Kind schon Reue über sein Vergehen verspürt, wenn es auch nur auf die Mimik und Gestik des Erziehers reagiert, die Trauer ausdrückt. Es verspürt dann das Bedürfnis, ihn durch Wiedergutmachung wieder froh zu stimmen. Es tut ihm leid, dass es dem Erzieher Kummer bereitet hat. So ist es vielleicht nicht einmal nötig, dass der Erzieher das Kind zu Rede stellt. Es geht von sich aus auf ihn zu um die Sache wieder zu bereinigen. Meistens wird es nötig sein, mit dem Kind über seine Fehler zu sprechen. Egal, ob es freiwillig kommt, oder ob der Erzieher es ansprechen muss.

Tadelt der Erzieher das Kind, so muss er es spüren lassen, dass er zwar die Tat verabscheut, die Person des Kindes jedoch noch in gleicher Weise liebt, wie zuvor und versucht, es zu verstehen. Merkt das Kind, dass der Erzieher trotz allem an seinen guten Willen glaubt und es gerecht behandelt, so ist es auch eher bereit, seine Tat einzugestehen und freiwillig dafür Sühne zu leisten.

Ein Erziehungsziel ist es das sich das Kind aus eigener Einsicht und Verantwortung für das Richtige und Gute entscheidet. Das benötigt einen langen Lernprozess und lässt sich logischerweise nicht mit Zwang und Gewalt erreichen, deren Wirkung Abschreckung und Furcht ist.

Das Kind muss für seine Entscheidung für das Gute andere Motive haben. Don Bosco sagt, dem Heranwachsenden solle im Licht von Vernunft, Liebe und Religion sein strafwürdiges Wert und ordnungswidriges Verhalten so beleuchtet und so eindrucksvoll vor die Seele gestellt werden, dass er selbst aus eigener Einsicht heraus seine Fehler verurteilt.

 

Bestrafung durch Taten

Es es nötig, dem zu Erziehenden den Scheinwert des Erstrebten noch zu vertiefen, so sollte dies durch eine Strafe, die das Kind als gerecht empfindet, geschehen. Ein aus innerer Einsicht und Überzeugung kommender Verzicht, eine willige Bereitschaft zur Sühne, sind wenigstens ebenso wirksame, sicher aber psychologisch feinsinnigere Motive, als eine unlustbetonte Hemmung in Folge von Strafandrohung und strenger Bestrafung nach Recht und Gerechtigkeit.

Werden materielle Geschenke entzogen oder besondere Vergünstigungen reduziert, so sollen diese Strafen als natürliche Folgen der Untaten verstanden werden. So kann ein Kind, dass ständig zu spät zum Essen kommt, auf seine Lieblingssuppe verzichten müssen, weil alle anderen schon diese Vorspeise gegessen haben. Oder es muss sich am Kauf einer neuen Blumenvase beteiligen, weil es die Alte vom Tisch gestoßen hat. Handelt es sich um eine teure Sache, so wird man niemals von einem Kind verlangen, dass es diese ganz alleine ersetzt, da die Schwere der Strafe im Vergleich zur Tat viel zu hart wäre.

Auch wenn ein Kind etwas nicht absichtlich zerstört, oder ein Verbot aus Vergesslichkeit übertreten hat, sollte dies bestraft werden, besonders wenn dies zum wiederholten Male vorkommt. Denn sonst könnte das Kind meinen, es sei nicht so schlimm, wenn man gegen ein Verbot verstößt, und es wird diese in Zukunft auch nicht mehr ernst nehmen. Strafen, die das Ehr- oder Rechtsgefühl des Kindes verletzten oder gar seine Menschenwürde missachten, sind grundsätzlich abzulehnen, und als entwürdigende Erziehungsmaßnahme gesetzlich verboten. Hierzu gehört vor allem die Prügelstrafe, die ohnehin von Mal zu Mal an Wirkung verliert und zudem nicht als natürlich Folge einer Tat verstanden werden kann.

Andere ebenfalls aus den eben genannten Gründen zu verurteilende Strafmaßnahmen sind beispielsweise Bloßstellen, Sprachverweigerung, Einsperren, Essensentzug, Liebesentzug usw..

 

Nicht – Verstärkung als Strafe

Die Strafe dient ja dazu, negative Verhaltensweisen des Kindes abzubauen. Dies kann aber auch dadurch geschehen, dass die Verhaltensweise, die das Kind unterlassen soll, einfach ignoriert wird. Das ist besonders dann sinnvoll, wenn die kindlichen Unarten ihre Wurzel in dem Verlangen nach Zuwendung haben. Wird das Kind in diesem Fall für seine Taten bestraft, so hat es zumindest teilweise das erreicht, wonach es verlangt: Der Erzieher befasst sich nur mit ihm ganz alleine. Deshalb würde eine Bestrafung eine Art Belohnung darstellen und somit das Kind in seinem Tun bestärken. Bei dieser Erziehungsmaßnahme ist jedoch sehr wichtig, dass gleichzeitig begrüßenswerte Verhaltensweisen belohnt werden. Eine Nicht - Verstärkung sollte nicht mit Vernachlässigung verwechselt werden.

Die Zuwendung und Anerkennung, die das Kind sucht und braucht, sollte der Erzieher ihm an einer anderen, das Positive verstärkenden Stelle zukommen lassen. Merkt das Kind, dass seine Unarten keinen Anklang finden, sondern ignoriert werden, positives Verhalten aber die ersehnte Zuneigung des Erziehers einbringt, so wird es sich früher oder später dem Guten zuwenden.

 

Vorbeugen gegen das Notwendig-Werden von Strafe

Vorbeugendes Bewahren

Es ist wesentlich besser, Fehler zu verhüten, als das Kind von einer bereits erworbenen Unart zu befreien. Eine dem Fehltrittzuvorkommende Ermahnung demütigt das Kind nicht so wie eine Strafe nach begangener Tat. Deshalb sollten wir wo wir nur können, es unseren Kindern durch eine pädagogisch einwandfreie Umgebung unmöglich machen, gegen unsere Anweisungen zu verstoßen. Auf diese Weise berücksichtigen wir, dass die Unarten unserer Kinder mehr Unbedachtsamkeit, Vergesslichkeit und Schwache als Bösartigkeit sind. Um Fehltritten vorzubeugen, ist es wichtig, ein vertrauliches Verhältnis zwischen Erzieher und Kind zu schaffen, und dieses so gut wie möglich zu erhalten. Von großer Bedeutung ist auch, dass der Heranwachsende nie ohne Beschäftigung ist und alle negativen Umwelteinflüsse so gut wie möglich ferngehalten werden.

Die alles sollte jedoch so geschehen, dass das Kind sich dadurch nicht in seiner Freiheit eingeengt fühlt. Diese Methode verlangt, wie wir sehen, einen überaus hohen Einsatz des Erziehers. Ständig muss er auf das Kind achten und selbst in seiner Freiheit darum besorgt sein, dass das Kind beschäftigt und in guten Händen ist. Nie kann der Erzieher sich auch nur für kurze Zeit von seiner Aufgabe distanzieren, denn selbst in seiner Freizeit hat er noch genug damit zu tun, sich selbst zu einer vertrauenswürdigen Persönlichkeit zu erziehen. Natürlich taucht die Frage auf, ob diese Methode nicht einer Überbehütung gleich kommt. Dieses Bedenken ist jedoch völlig unbegründet, wenn man beachtet, dass die Erziehung zur Selbständigkeit nur allmählich geschehen kann. Der Mensch kann erst mit Bewährungssituationen fertig werden, wenn er fähig gemacht worden ist, selbständig Entscheidungen zu treffen.

 

Positive – Verstärkung

In der pädagogischen Praxis vergisst man die Belohnung neben dem Bestrafen viel zu sehr. Wir sind im Allgemeinen mehr zum Tadel geneigt als zum Lob. Das ist ein großer Fehler, denn ein Kind, das sich in seinen positiven Leistungen nicht bestätigt fühlt, findet daran lange nicht solchen Gefallen wie ein Kind, dem man schon bei den kleinsten Fortschritten Anerkennung zeigt. Vieles was über die Strafe gesagt wurde, gilt auch für die Belohnung.

Wir sollten uns abwechslungsreiche Formen einfallen lassen, die von den Kindern als natürliche Folge ihrer Taten aufgefasst werden können. Belohnung stärkt das Selbstwertgefühl des Heranwachsenden und erhöht die künftige Wahrscheinlichkeit des Auftretens der belohnten Verhaltensweise. Die erzieherische Anerkennung kann sowohl durch Worte, als auch durch Taten erfolgen. Für das Kleinkind ist es noch wichtig, dass es durch Worte, besondere Vergünstigungen und materielle Güter belohnt wird. Beim Heranwachsenden ist das Lob, die Belohnung durch Worte sehr maßvoll, und nur bei besonderen Leistungen um zu verstärktem Eifer anzuspornen, anzuwenden. Ansonsten sind besondere Lobsprüche gegenüber einzelner Kinder mit zunehmendem Alter weniger ratsam, da das ein Zuviel bedeuten würde und somit eine schädigende Wirkung hatte, denn der Heranwachsende kommt dadurch in Gefahr, übermütig und anmaßend zu werden. Es ist dagegen angebracht, sich mit anerkennenden Worten an eine ganze Gruppe zu wenden. Das dient der allgemeinen Aufmunterung. Jene, die das Lob angeht, fühlen sich angesprochen, gerechtfertigt und bestärkt. Bei der Namenlosigkeit des Lobes besteht für sie kein Anlass zu persönlichem Ehrgeiz oder zur Eitelkeit. Für die anderen dagegen gibt es keinen Grund zu Neid und Eifersucht, sondern es kann als indirekter Tadel und Ansporn zu neuem Eifer aufgefasst werden. Auch die Belohnung durch besondere Vergünstigungen oder bspw. durch materielle Güter sollte immer seltener notwendig sein. Sensibler sollte hingegen das Kind für Anerkennung des Erziehers durch die Freude über eine gute Tat werden. Es sollte ihm schon genug Belohnung sein, den Erzieher glücklich zu sehen. Mit dieser Belohnung sollte der Erzieher aber auch nicht sparen.

„Erzieher sind Liebende, die nie von ihrer Liebe lassen“

Dieses Zitat von Don Bosco soll den Erzieher immer wieder daran erinnern, wie groß seine Aufgabe ist. Er ist nicht jemand, der irgendeinen Job ausübt und nach Feierabend „abschaltet“, sondern jemand, der sich mit seiner ganzen Person seiner Aufgabe hingibt und den ihm Anvertrauten selbstlos dient. Nimmt ein Erzieher seine Aufgabe wirklich so ernst, werden wohl selten harte Strafmaßnahmen notwendig sein, denn ein Kind merkt sehr genau, wem es sich anvertrauen kann und wem nicht. Bevor ein Erzieher straft, sollte er sich sorgfältig überlegen, ob das Verhalten des Kindes nicht eventuell eine Reaktion auf sein eigenes erzieherisches Ungeschick ist.

 

Literaturangaben

- „Don Bosco – Erzieher und Psychologe“ Dr. Nikolaus Endres     Don Bosco Verlag

- „Erziehen lernen“ Christa Meves, Herder-Bücherei

Anzeige

Erzieher

Kita und Krippe

Kitafinanzierung

Freizeit

Kinder